Das 16. und vorletzte Wort im Neon-Wilderness Projekt *.txt lautet "Distanz". Und ich beleuchte hier, warum die Distanz zum Schreiben dazu gehört.

Als Schreibende brauche ich Nähe zu meinem Tun. Ich öffne mich dem Impuls zum Schreiben, ich gebe mich hin, bin ganz dabei. Grenzenlose Nähe empfinde ich, wenn der kreative Impuls direkt in meine Hände fließt und ich wie elektrisiert schreibe. Wenn ich im Flow bin, bremst mich nichts. Wenn ich im Flow bin, verschmelze ich mit dem, was ich tue.

Ist doch toll, oder? Wozu soll da Distanz gut sein?

Ich finde Distanz hilfreich, wenn der Text nicht nur in der eigenen Schublade schlummern soll. Distanz hilft, den Blick zu erweitern und das Geschriebene rund zu machen. Ich halte ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz daher für notwendig. Der Text darf dem Autor bzw. der Autorin mitunter ruhig ein wenig "fremd"  werden.

Zitat Naehe hilft beim Entstehen, Distanz zum Vollenden

Wie die Distanz entstehen kann:

  • Später lesen: Die Distanz kann eine zeitliche Distanz sein, d. h. ich lese den Text einige Zeit nach dem Schreiben. Wenn ich den Text lese, dann kann mich ein Teil der Gefühle erneut berühren, die ich beim Schreiben hatte. Gleichzeitig kann aber auch der ordnende Geist feststellen, dass einige Formulierungen ein wenig "haken". Der Impuls den Text zu überarbeiten und zu verbessern kann erwachen. Es können daraus neue Varianten des Textes entstehen (die man am besten auch als neue Varianten abspeichert). Mit Varianten zu arbeiten ist hilfreich. Man behält damit die ursprüngliche Version und sieht, wie sich die Textidee entwickelt.
  • Anderer Ort, andere Zeit: Vielleicht mischt sich die zeitliche mit der örtlichen Distanz. Statt direkt am Schreibtisch bzw. am PC oder Laptop lese ich den Text an einem anderen Ort. Ich drucke mir alles aus und lese es zum Beispiel im Wohnzimmer auf dem Sofa oder unterwegs in der Bahn. Das Lesen und Reflektieren steht im Vordergrund. Die Korrekturen oder neuen Ideen zum Text notiere ich mir am Seitenrand, statt sie direkt in die Tastatur zu hauen. Sehr oft fallen einem Fehler und Ungereimtheiten überhaupt erst auf, wenn man sie ausgedruckt (oder auf der Webseite veröffentlichtIcht) sieht.
  • Fremdleser: Distanz entsteht, wenn eine andere Person den eigenen Text liest und dazu Rückmeldungen gibt. Dazu müssen Schreibende ihren Text loslassen. Das ist mitunter eine der schwersten Übungen. Besonders, wenn der Text mit viel Herzblut geschrieben wurde. "Was weiß schon der andere darüber, was man hier gemeint und geschrieben hat?" mag man denken und die Fremdkritik ablehnen. Aber was man selbst beim Schreiben "meinte", kann bei anderen Lesern ganz anders ankommen. Das Loslassen eigener Texte ist Teil des beruflichen Alltags von Schreibenden aller Art. Schließlich muss der Text den Auftraggebern schmecken, vom Chef freigegeben werden oder soll von Verlagen akzeptiert und schließlich von Leserinnen und Lesern gekauft werden.
  • Lektor spielen: Schreibende können bewusst verschiedene Schreibhaltungen einnehmen, d. h. sie können sich vornehmen, ganz bewusst eine Überarbeitungs-Schreibzeit abzuhalten. "Heute bin ich Lektor", dann achte ich nur auf den Textaufbau, auf die Gliederung und eine logische Abfolge, auf Wortwahl und Rechtschreibung, vielleicht auch auf die Formatierung des Texts. Auch damit kann man eine Distanz erzeugen, die dem Text gut tut.
  • Wo ist mein Text? Vielleicht wurde beim Schreiben zuviel Wert auf Distanz gelegt, zuviel Kritik geübt, zuviel überarbeitet. "Das ist nicht mehr mein Text", jammert dann die Schreibseele. Dann sollte man die bisherigen Text-Varianten vergleichen und überlegen, was zu retten ist. Was wollte man eigentlich sagen, mit welcher Änderung ging es verloren? Kann die Schreibseele bei genauerer Betrachtung vielleicht doch entspannen und ihren alten Text loslassen, weil die neue Version besser "funktioniert"?

Schöpferisch mit Nähe und Distanz

Ich gehe davon aus, dass alle Kreativen mit Nähe und Distanz arbeiten. Dabei ist nicht immer klar abzugrenzen, wann in der kreativen Schaffensphase gerade "Nähe" oder "Distanz" überwiegt. Manchmal arbeiten wir mit beiden Prinzipien gleichzeitig. Maler treten gerne mal ein paar Schritte zurück, um die Bildwirkung aus der Ferne wahrzunehmen, und malen dann weiter.

Genauso schreibe ich, lese ich, korrigiere ich, meine Texte immer auch während des Entstehens. Während ich dies hier eintippe, bin ich mittendrin im Schreibgeschehen - und achte dennoch auf ein paar Gestaltungsprinzipien, formatiere einen Listenabschnitt, lese den vorherigen Absatz, schreibe weiter, korrigiere einen Tippfehler und wechsle ständig zwischen Nähe und Distanz.

Kreativität umfasst jedenfalls nicht nur den Flow-Zustand. Ich fasse es für mich so zusammen: Die Nähe hilft beim Entstehen, die Distanz beim Abschließen bzw. Vollenden des Werks.

Kommentare   

# Tina 2015-12-18 16:16
Hallo, ich habe schon erlebt, dass bereits nach einem Tag der eigene Text ganz anders wirkt - die Distanz ist unerlässlich! Der Schlusssatz ist sehr schön formuliert -
Gruß TIna
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# Livia 2015-12-19 17:03
Dankeschön, Tina, bei mir ist es manchmal auch das Veröffentlichen, das den Text fremd oder neu werden lässt. Und meistens korrigiere ich unmittelbar danach doch noch ein paar Details. Der Schlusssatz reifte mit dem Schreiben an diesem Blogeintrag.
Viele Grüße Livia
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