Menschen spiegeln sich unerkennbar in Straßenbahnfenster

atme

in deine augen schauen
in deine seele tauchen
dunkelheit
und atemzüge
schweren herzens

 

kein wort erlauben
nicht mal flüstern
stille
und atemzüge
schweren herzens

 

in die seele lauschen
dumpfes rauschen
taubheit
und atemzüge
voller sehnsucht

 

der abgrund in mir
sieht den abgrund in dir
in ruhe
atme
viele atemzüge noch

 

____

Dies ist mein Beitrag für das dritte Wort "abgrundtief" im Projekt *.txt. Mehr zum Projekt, den bisherigen Worten und Beiträgen steht bei neon wilderness.

Vom Wünschen alleine wird man nicht satt. Wünschen alleine bezahlt keine Miete oder Strom und Telefon. Wünschen alleine schafft auch nichts.

Zum Beispiel wünsche ich mir Ordnung und Struktur, im Leben und auch sonst so. Zum Beispiel in der Sockenschublade, damit ich einfach hineingreifen kann und ein zusammengehöriges Sockenpaar finde. Oder Ordnung für das Fach in meinem Küchenschrank, wo Tupper und Kunststoffboxen zusammen mit Plastikdeckeln ein wackeliges Gebilde formen, das vielleicht nicht heute einstürzt, aber vielleicht in einer Woche.

Soll ich meinen Schreibtisch erwähnen, den Tisch daneben und die Ablageboxen auf dem Boden? Ja, ich habe sehr praktische Ablageboxen. Sie sollten für mich einmal die Wende zu einer einfach einzuhaltenden Ordnung schaffen. Aber das konnten sie ohne mich nicht. Ich glaube, ich habe sogar leere Ablageboxen.

Ich habe mir vor einigen Jahren eine dicke Vorlagemappe gekauft. Darin wollte ich wichtige Unterlagen nach Monaten und Tagen sortieren, damit ich alles rechtzeitig erledige. Stolz sortierte ich Papiere hinein, immer wieder. Neulich fiel zufällig mein Blick auf die Mappe und ich erschauderte. Die Mappe quoll über vor Papieren. Bestimmt dauert es Tage, das alte Zeugs zu sortieren und zu entsorgen.

Es gibt viele Ordnungssysteme. Karteikästen, Ringbücher, Plastikablagen, Kartons. Sie sind praktisch und durchdacht. Und jedesmal, wenn wieder einmal Werbung ins Haus flattert für solche praktischen Utensilien, Unterbettkommoden, Flaschensortiertaschen, Sockenschubladenorganizer - dann will ich aufspringen und sofort kaufen. 

Es ist so verheißungsvoll. Ich glaube immer, dass die Dinge der Anfang vom Ende der Unordnung sind. Ich wünsche es mir.

Aber es sind nicht die Dinge. Und Wünschen alleine erzeugt keine Ordnung. Am Anfang der Ordnung stehe nämlich ich. Es gibt keinen anderen, der es für mich tut.

Bei mir herrschen Ordnung und Struktur allerdings nur beim Schreiben: Einen Text zu schreiben, also Buchstaben, Wörter, Satzteile in eine Reihenfolge zu bugsieren, zu der ich Ja sagen kann. Aber gerne doch! Einen langen, langen Text zu strukturieren, ihn mit Zwischenüberschriften aufzuhübschen, mit geordneten (oder ungeordneten) Listen zu versehen, Textteile zu fetten, Absätze zu formatieren. "Ja, ja, ja," ruft es in mir, "Texte her zu mir: Ich ordne euch gerne."

Wenn Wünschen hilft, dann wünsche ich mir Folgendes:

  • Dass ich meine Schublade voller Socken wie einen Text behandeln kann: Ich würde alle Paare sofort mit einem Bindestrich verbinden, damit sie nicht aus Versehen getrennt werden können. 
  • Dass ich auch den Text im Küchenschrank erkenne: Ich würde die Tuppersatzteile in Reih und Form bringen und die Deckel im Nebensatz erwähnen.
  • Dass ich mein Leben wie einen Text zu lesen lerne und sich mir seine verborgene Ordnung enthüllt.

Und wenn Wünschen hilft, dann ist dieser Text auch völlig in Ordnung.

Das wünsche ich mir.

_____

 Dieser Text entstand durch die Inspiration mit dem Wort "wünschen" des Projekt .txt von Dominik Leitner (www.neonwilderness.net). Bei dem Projekt wird 2015 alle drei Wochen ein Wort gezogen und die teilnehmenden Autorinnen und Autoren haben drei Wochen Zeit, dazu einen Text zu veröffentlichen. Das erste Wort war "Gratwanderung". Alle Beiträge werden hier verlinkt: http://neonwilderness.net/txt/txt-die-beitraege/

"Gratwanderung" lautet das erste Wort im Projekt *.txt. Bei diesem Projekt von Dominik Leitner (www.neonwilderness.net) wird alle drei Wochen ein Wort "gezogen" und alle teilnehmenden Autorinnen und Autoren haben drei Wochen Zeit, um einen Text zu veröffentlichen. Ob nun eine Geschichte, einen Brief, ein Gedicht, ein paar Zeilen, was auch immer. Hauptsache man schreibt. Hier gibt's die Projektankündigung *.txt 

Und hier mein Gedicht. Ja, ein Gedicht - warum nicht?

 

Gratwanderung

Ich wandere auf schmalem Grat

Ein Wandervogel auf Maschendraht

Nach Links schielen

Nach Rechts zielen

Im Gehen entsteht mein Pfad

 

Im Hinterland ruhige Milde

Im Vordergrund Wolkengebilde

Steiler Abhang nadelholzschwer

Unten vermutlich ein Meer

Mein Leben erwandert zu Fuß sich das Wilde

 

Auf solchem Grat wandern!

Davor warnen die andern

die sich in Sicherheit wiegen

die niemals träumen vom Fliegen

Ach, lasst sie weiter mäandern!

 

Doch bin ich ehrlich

Gratwandern ist gefährlich

Füße und Hände ertasten die Welt Schritt für Schritt

Augen bewachen jeden einzelnen steinigen Tritt

Meine Sinne sind unentbehrlich

 

Will mein Herz jetzt verzagen

Werd' ich den Absprung wieder nicht wagen

Abseitige Aussichten im Blick

Absurdes Gerede von Glück

Doch der Grat wird mich Tragen

 

 

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