*.txt

  • abgrundtief [*.txt]

    Menschen spiegeln sich unerkennbar in Straßenbahnfenster

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    atme

    in deine augen schauen
    in deine seele tauchen
    dunkelheit
    und atemzüge
    schweren herzens

     

    kein wort erlauben
    nicht mal flüstern
    stille
    und atemzüge
    schweren herzens

     

    in die seele lauschen
    dumpfes rauschen
    taubheit
    und atemzüge
    voller sehnsucht

     

    der abgrund in mir
    sieht den abgrund in dir
    in ruhe
    atme
    viele atemzüge noch

     

    ____

    Dies ist mein Beitrag für das dritte Wort "abgrundtief" im Projekt *.txt.Mehr zum Projekt, den bisherigen Worten und Beiträgen steht bei neon wilderness.

  • Balkonsommer und Glück [*.txt]

    Blauer Himmel, Hummel an Bluete, Baum im Hintergrund

    Balkonsommer

    Die einzelne Schweißperle,
    die in deine Augenbraue rinnt
    und die du mit dem Finger reibst.
    Wind streichelt meine Haut
    und kühlt ebenso wie das Stück Wassermelone,
    das ich kauend zu Saft verwandele,
    während Grillduft das Fest des Nachbars ankündigt.
    Die Prunkwinde, die tagsüber am Bambusstab weiter nach oben kletterte,
    beginnt nun ihre lila Blüten zu schließen.
    Doch die Hummel macht einfach weiter.
    Das ist ein Leben.

    ----

    Das ist mein neuer Beitrag zum Projekt *.txt vom neon-wilderness Blog, genauer zum zehnten Wort "Glück".

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  • Bildersturm [*.txt]

    Am 11. März 2015  teilte Dominik Leitner sein viertes Wort für das Projekt [*.txt] mit. Es lautete "Bild".

    Mit Brainstorming, dem Gedankensturm, komme ich schnell auf Ideen: Bilder sind Abbilder, nicht die Wirklichkeit, sondern Kopien. Und selbst da kann man nicht sicher sein. Denn ein Bild ist für mich etwas flaches, die Wirklichkeit ist dreidimensional, also sind Bilder nicht das Echte, Wahre, sondern immer nur Darstellungsversuche. Auch Fotos und Zeichnungen, Illustrationen. Alles Versuche, etwas bildlich festzuhalten, zu dokumentieren. Versuche, einen Sachverhalt oder Gefühle in Bildern auszudrücken.

    Pinterestkommt mir in den Sinn. Was passiert da?

  • Dein Leben [*.txt]

    Menschengruppe spaziert auf einem Weg

    Dein Leben

    ist dein Leben

    weil es dir gehört

    mit allen Konsequenzen

    du hast es in der Hand

    du bist verantwortlich

    du lebst es

    oder nicht?

     

    Mein Leben

    ist meins

    es gehört zu mir

    mit allem, was dazu gehört

    ich nehme es in die Hand

    übernehme die Verantwortung

    ich lebe mein Leben

    wer sonst?

     

    Unser Leben

    sind wir

    wir leben zusammen

    und auch wieder allein

    wir nehmen uns an die Hand

    und lassen wieder los

    wir teilen die Verantwortung

    und bleiben frei

    im Leben

     

    ---

    Dies ist ein weiterer Beitrag zum Projekt *txtvon Dominik Leitner, das mich dieses Jahr begleitet bzw. an dem ich schreibenderweise teilnehme. Das entsprechende sechste Wort lautete Dein.

    Übersicht aller Worte und Beiträge zum Projekt bei Dominik auf Neon Wilderness.

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  • Ein Cluster zum Wort "Gewissen" [*.txt]

    Mein Beitrag zum 14. Wort im Projekt *.txt ist ein Cluster. Das Cluster ist eine Schreibmethode von Gabriele L. Rico, die viele sicherlich aus dem Buch "Garantiert schreiben lernen" kennen.

  • Fassadenspringer [*.txt]

    Fassade also. Am Nachbarhaus wird gerade die Fassade neu gestrichen. Ein leuchtendes Orange erstrahlt nun neben unserem blassen Gelb. Doch interessiert mich vor allem die Metapher. Ich denke an Formulierungen wie "Fassade aufrecht erhalten" oder "Fassade bewahren", mehr Schein als Sein.

    Oder dieses Gedicht aus Schulzeiten über die anonyme Großstadt. Ich habe es noch vage in Erinnerung: "zwei Fassaden Mensch", die sich in der U-Bahn gegenüber sitzen. Der Check via Google ergibt: Das Gedicht heißt "Städter", stammt von Alfred Wolfenstein und wurde 1914 veröffentlicht. Nur heißt es dort "zwei Fassaden Leute" und sie sind in der Tram unterwegs: "Ihre nahen Blicke baden ineinander, ohne Scheu befragt." Gesellschaftskritisch, düster, deprimierend. Und ich habe es damals "geglaubt". Ich lebte auf dem Land und die Großstadt war mir fremd.

    Heute lebe ich in der Stadt, fahre gerne Straßenbahn und empfinde die Mitfahrenden nicht als Fassaden. Auch dann nicht, wenn sie nur Augen – und Ohren – für ihre Smartphones zu haben scheinen.

    Wo es menschelt, ist weniger Fassade. Wo es vor allem ums Image geht, ist mehr Lametta.

    Was mich zu Webseiten bringt. Denn im Internet tummeln sich unzählige Potemkinsche Fassaden, deren einziger Zweck darin besteht, die Nutzer zu Klicks zu verführen bzw. hinters Licht. Es braucht geübte Fassadenkletterer.

    Aber manch einer will es gar nicht. Hinter die Fassade blicken. Kann ja auch bequemer sein. Und Orange ist eine schöne Farbe.

    Soweit meine Fassadenhüpfer. Pardon, Gedankensprünge.


     "Fassade" ist das siebte Wort im Projekt *.txt, das mir dieses Jahr schon diverse Schreibimpulse lieferte. Mehr zum Projekt *.txt und die bisherigen Beiträge auf der Webseite neon wilderness.

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  • Gib Acht auf die Lärche im Hinterhof [*.txt]

    Taube im Zweig einer Lärche

    Gib Acht auf die Lärche im Hinterhof

    Gib Acht auf die Lärche im Hinterhof.
    Die stattliche Herberge vieler Seelen.
    Zweige wiegen im Frühlingswind.

    Im Baumwipfel oben mit Gekräh und Gehabe
    beansprucht sein Revier der Kolkrabe.
    Doch inmitten des Gezweigs ohne Eile
    gurrt vornehm die Ringeltaube für eine Weile.
    Und ganz hinten entdeckt fern vom Nest
    der Jungspecht von Buntspechts das Geäst.
    Dann herrscht Unfug durch eine Meisenbande
    die kreuz und quer hüpfen – und imstande
    sind, kopfüber an jungen Trieben zu picken,
    mal hier, mal dort, und wieder fort, als wär's ein Sport.
    Ein Mönchsgrasmück verdreht den Kopf
    und zeigt uns seinen schwarzen Schopf.
    Derweil ganz unten auf einer Wurzel am Baumstamm sitzt
    ein Hausrotschwanz und zittert und knickst
    und schickt sich an zu singen.
    Bald hört man sein Lied erklingen.
    Während sich emsige Hummeln
    ungestört an den Zweigen tummeln,
    lässt sich eine Spinne am seidigen Faden
    durch den Wind ganz woanders hin tragen.
    Auf einmal fliegt der Rabe los
    und kräht ganz laut und ganz famos
    Krahkrahkrah, ich bin da,
    ich bin da, Krahkrahkrah

    Gib Acht auf die Lärche im Hinterhof.
    Die stattliche Herberge vieler Seelen.
    Zweige wiegen im Frühlingswind.

    Du darfst lächeln.

    ---

    Eine nette Idee von Dominik, als achtes Wort im Projekt *.txt "acht" bzw. "Acht"zu wählen. Ich habe mir eine schöne Wörterliste angelegt, von "achtsam" über "achtern" bis "Achtung" und verweilte eine Weile bei "gib Acht auf Dein Herz". Den Reim auf Schmerz wollte ich mir aber ersparen. Die Lärche habe ich jeden Tag vor Augen – da lässt sich nicht nur im Frühling vieles beobachten: Hat Spaß gemacht und alles im Gedicht hat sich übrigens wirklich so zugetragen! Nachtrag: Es könnte allenfalls sein, dass unsere Hinterhoflärche gar keine Lärche ist, sondern eine Blauzeder ;-)

    (Bild: J.K.)

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  • Gratwanderung [*.txt ]

    "Gratwanderung" lautet das erste Wort im Projekt *.txt. Bei diesem Projekt von Dominik Leitner (www.neonwilderness.net) wird alle drei Wochen ein Wort "gezogen" und alle teilnehmenden Autorinnen und Autoren haben drei Wochen Zeit, um einen Text zu veröffentlichen. Ob nun eine Geschichte, einen Brief, ein Gedicht, ein paar Zeilen, was auch immer. Hauptsache man schreibt. Hier gibt's die Projektankündigung *.txt 

    Und hier mein Gedicht. Ja, ein Gedicht - warum nicht?

     

    Gratwanderung

    Ich wandere auf schmalem Grat

    Ein Wandervogel auf Maschendraht

    Nach Links schielen

    Nach Rechts zielen

    Im Gehen entsteht mein Pfad

     

    Im Hinterland ruhige Milde

    Im Vordergrund Wolkengebilde

    Steiler Abhang nadelholzschwer

    Unten vermutlich ein Meer

    Mein Leben erwandert zu Fuß sich das Wilde

     

    Auf solchem Grat wandern!

    Davor warnen die andern

    die sich in Sicherheit wiegen

    die niemals träumen vom Fliegen

    Ach, lasst sie weiter mäandern!

     

    Doch bin ich ehrlich

    Gratwandern ist gefährlich

    Füße und Hände ertasten die Welt Schritt für Schritt

    Augen bewachen jeden einzelnen steinigen Tritt

    Meine Sinne sind unentbehrlich

     

    Will mein Herz jetzt verzagen

    Werd' ich den Absprung wieder nicht wagen

    Abseitige Aussichten im Blick

    Absurdes Gerede von Glück

    Doch der Grat wird mich Tragen

     

     

  • grübchen [*.txt]

    du bist schwer mutig

    während du mich befragst
    nach meinem leben
    während ich dich ansehe
    und von mir erzähle
    entdecke ich ein grübchen
    in deinem gesicht

    eine kleine kerbe
    sie war vorher nicht da
    nahe deines mundes
    etwas rechts davon

    und während du mich befragst
    mir zuhörst und mich mit
    blicken traktierst
    die mir keine chance geben
    nach dir zu fragen
    nach deinem leben
    verstehe ich die kerbe

    du beißt die Zähne zusammen
    in tapferen momenten
    schluckst den bitteren geschmack
    des überlebens
    einfach...
    – nein, nicht so einfach –
    ...herunter

    du bist schwer mutig

    ----

    Ein wenig in Verzug diesmal mein Beitrag zum Projekt *.txt vom neon-wilderness Blog: Dies hier ist das elfte Wort "Schwermut" - vielleicht brauchte es ja den Herbst, um in die richtige Stimmung zu kommen. Mehr zum Projekt, siehe unter http://neonwilderness.net/2015/08/05/das-elfte-wort-txt/

  • Kreative Texte

  • Man braucht so seine Herausforderungen...

    "Herausforderung" ist ein schönes Wort. Etwas fordert mich, aus mir herauszugehen, mich anzustrengen und zu zeigen, was in mir steckt. Im vergangenen Jahr war meine Teilnahme am Projekt *.txt so eine Herausforderung. Ich habe regelmäßig kreative Texte verfasst, mal Gedichte, mal nachdenkliche Prosa, mal Schreibtipps. Ich bin stolz, dass ich das Jahr über dabei geblieben bin.

    Die 17 Wörter aus dem Jahr 2015, jeweils verlinkt mit meinen Beiträgen:

    Dominik Leitner führt sein Projekt txt 2016 fort und zieht jetzt jeden ersten Mittwoch im Monat ein neues Wort. Auch ich möchte weitermachen, allerdings kombiniert mit neuen Herausforderungen:

    • Ich möchte dieses Jahr die Würze der Kürze schmecken und entdecken. Das heißt, dass ich die ganz kurze Form wähle. Ich möchte Ein-Satz-Stories schreiben.
    • Ich möchte außerdem herausfinden, ob ich Lieder schreiben kann.

    Schaun mer mal. Das neue Wort ist übrigens nichtsdestotrotz.

     

     

  • Nackte Sätze [*.txt]

    ABC-Grafik

    Das ist ein Satz.
    Nackt und bloß. Schnörkellos.
    Nur Subjekt, Verb, Objekt
    verpackt darin. So nackt.

    Aber das da!
    Also, das ist schließlich
    – ohne wenn und aber –
    auch ein schöner, netter Satz,
    Wort für Wort korrekt am Platz,
    und sozusagen weitere Elemente,
    mit Adjektiven und Adverbien
    und Kommata und dies und das,
    ganz nebensächliche Momente,
    nebensätzeweise Nebelsätze
    obendrein, die dich knebeln,
    und auch wer mit Geduld
    dies liest und nicht versteht,
    ist selber schuld (wirklich?),
    weil, wer am Ende nicht mehr weiß,
    was der Satz zur Aussage bringt,
    und wer alsobald um Fassung ringt,
    fliegt aus dem Takt,
    den ihm der Schreiber vorgegeben,
    ganz nackt
    bleibt er zurück
    oder versucht erneut sein Glück,
    und liest vom ersten Wort zum zweiten Wort
    und so weiter und so fort,
    und doch – vielleicht auch nicht,
    denn Lesen muss sich lohnen
    und darum sollst du Leser schonen:
    Schreibe besser einen kurzen Satz.
    Nackt und bloß. Schnörkellos.

    ---

    Wir sind mittlerweile beim neunten Wort im Projekt *.txt angelangt: nackt. Ich bin stolz, dass ich bisher zu jedem Wort etwas verfasst habe, und finde es spannend, wozu wir Mitwirkenden inspiriert werden. Bis Ende des Jahres werden es 17 Wörter sein, zu denen Beiträge ganz unterschiedlichster Art verfasst wurden.

    Zum Einlesen:

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  • Nähe und Distanz im Schreibprozess [*.txt]

    Das 16. und vorletzte Wort im Neon-Wilderness Projekt *.txt lautet "Distanz". Und ich beleuchte hier, warum die Distanz zum Schreiben dazu gehört.

    Als Schreibende brauche ich Nähe zu meinem Tun. Ich öffne mich dem Impuls zum Schreiben, ich gebe mich hin, bin ganz dabei. Grenzenlose Nähe empfinde ich, wenn der kreative Impuls direkt in meine Hände fließt und ich wie elektrisiert schreibe. Wenn ich im Flow bin, bremst mich nichts. Wenn ich im Flow bin, verschmelze ich mit dem, was ich tue.

    Ist doch toll, oder? Wozu soll da Distanz gut sein?

    Ich finde Distanz hilfreich, wenn der Text nicht nur in der eigenen Schublade schlummern soll. Distanz hilft, den Blick zu erweitern und das Geschriebene rund zu machen. Ich halte ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz daher für notwendig. Der Text darf dem Autor bzw. der Autorin mitunter ruhig ein wenig "fremd"  werden.

    Zitat Naehe hilft beim Entstehen, Distanz zum Vollenden

    Wie die Distanz entstehen kann:

    • Später lesen:Die Distanz kann eine zeitliche Distanz sein, d. h. ich lese den Text einige Zeit nach dem Schreiben. Wenn ich den Text lese, dann kann mich ein Teil der Gefühle erneut berühren, die ich beim Schreiben hatte. Gleichzeitig kann aber auch der ordnende Geist feststellen, dass einige Formulierungen ein wenig "haken". Der Impuls den Text zu überarbeiten und zu verbessern kann erwachen. Es können daraus neue Varianten des Textes entstehen (die man am besten auch als neue Varianten abspeichert). Mit Varianten zu arbeiten ist hilfreich. Man behält damit die ursprüngliche Version und sieht, wie sich die Textidee entwickelt.
    • Anderer Ort, andere Zeit:Vielleicht mischt sich die zeitliche mit der örtlichen Distanz. Statt direkt am Schreibtisch bzw. am PC oder Laptop lese ich den Text an einem anderen Ort. Ich drucke mir alles aus und lese es zum Beispiel im Wohnzimmer auf dem Sofa oder unterwegs in der Bahn. Das Lesen und Reflektieren steht im Vordergrund. Die Korrekturen oder neuen Ideen zum Text notiere ich mir am Seitenrand, statt sie direkt in die Tastatur zu hauen. Sehr oft fallen einem Fehler und Ungereimtheiten überhaupt erst auf, wenn man sie ausgedruckt (oder auf der Webseite veröffentlichtIcht) sieht.
    • Fremdleser:Distanz entsteht, wenn eine andere Person den eigenen Text liest und dazu Rückmeldungen gibt. Dazu müssen Schreibende ihren Text loslassen. Das ist mitunter eine der schwersten Übungen. Besonders, wenn der Text mit viel Herzblut geschrieben wurde. "Was weiß schon der andere darüber, was man hier gemeint und geschrieben hat?" mag man denken und die Fremdkritik ablehnen. Aber was man selbst beim Schreiben "meinte", kann bei anderen Lesern ganz anders ankommen. Das Loslassen eigener Texte ist Teil des beruflichen Alltags von Schreibenden aller Art. Schließlich muss der Text den Auftraggebern schmecken, vom Chef freigegeben werden oder soll von Verlagen akzeptiert und schließlich von Leserinnen und Lesern gekauft werden.
    • Lektor spielen:Schreibende können bewusst verschiedene Schreibhaltungen einnehmen, d. h. sie können sich vornehmen, ganz bewusst eine Überarbeitungs-Schreibzeit abzuhalten. "Heute bin ich Lektor", dann achte ich nur auf den Textaufbau, auf die Gliederung und eine logische Abfolge, auf Wortwahl und Rechtschreibung, vielleicht auch auf die Formatierung des Texts. Auch damit kann man eine Distanz erzeugen, die dem Text gut tut.
    • Wo ist mein Text?Vielleicht wurde beim Schreiben zuviel Wert auf Distanz gelegt, zuviel Kritik geübt, zuviel überarbeitet. "Das ist nicht mehr mein Text", jammert dann die Schreibseele. Dann sollte man die bisherigen Text-Varianten vergleichen und überlegen, was zu retten ist. Was wollte man eigentlich sagen, mit welcher Änderung ging es verloren? Kann die Schreibseele bei genauerer Betrachtung vielleicht doch entspannen und ihren alten Text loslassen, weil die neue Version besser "funktioniert"?

    Schöpferisch mit Nähe und Distanz

    Ich gehe davon aus, dass alle Kreativen mit Nähe und Distanz arbeiten. Dabei ist nicht immer klar abzugrenzen, wann in der kreativen Schaffensphase gerade "Nähe" oder "Distanz" überwiegt. Manchmal arbeiten wir mit beiden Prinzipien gleichzeitig. Maler treten gerne mal ein paar Schritte zurück, um die Bildwirkung aus der Ferne wahrzunehmen, und malen dann weiter.

    Genauso schreibe ich, lese ich, korrigiere ich, meine Texte immer auch während des Entstehens. Während ich dies hier eintippe, bin ich mittendrin im Schreibgeschehen - und achte dennoch auf ein paar Gestaltungsprinzipien, formatiere einen Listenabschnitt, lese den vorherigen Absatz, schreibe weiter, korrigiere einen Tippfehler und wechsle ständig zwischen Nähe und Distanz.

    Kreativität umfasst jedenfalls nicht nur den Flow-Zustand. Ich fasse es für mich so zusammen: Die Nähe hilft beim Entstehen, die Distanz beim Abschließen bzw. Vollenden des Werks.

  • NaPoWriMo und [*.txt]

     Wurst

    gleich

    gleich

    gleich

    gleich

    schwarz

     

    gleich

    gleich

    gleich

    weiß

     

    gleich

    gleich

    gleich

    wurst

     

    gleich

    gleich

    gleich

    käse

     

    gleich

    ist

    nicht

    gleich

     

    gleich

    gleich

    gleich

    egal

    ---

    Was soll denn das sein? Frau Grupp schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Ein Gedicht und Beitrag zum 5. Wort vom Projekt [*.txt]von Dominik Leitner. Ich habe mich auch für den NaPoWriMo eingetragen. Letzteres verlangt, dass ich im Monat April 30 Gedichte schreibe, quasi jeden Tag eins. Eine Herausforderung. Insoweit praktisch, wenn ich enen Beitrag für beide verwenden kann. biggrin

     

  • Nichtsdestotrotz

    Ausschnitt Seilbrücke mit Holztrittflächen grün-blauer Hintergrund

    "Nicht betreten! Lebensgefahr!" stand auf einem kleinen Schild, das auf dem Boden vor der alten Hängebrücke lag. Margit glaubte, den Abdruck eines schlammig-erdigen Schuhs auf dem Warnhinweis zu erkennen. Hier schaute wohl schon lange niemand mehr nach dem Rechten. Von der anderen Seite der Schlucht schienen Stimmen zu grüßen, vielleicht juchzende Kinder im Spiel. Und der Wind trug den Duft von einem Lagerfeuer zu ihrer Nase. Die Brücke war alt. Margit schätzte ihre Länge auf knapp 20 Meter, die Höhe schien ihr unergründlich. Irgendwo da unten war ein Fluss, das wusste sie. Aber sie sah nur Felsen und grünes Gestrüpp. Die Holzbretter, die der Hängebrücke einmal als Trittfläche gedient hatten, waren möglicherweise morsch. Weiter vorn fehlte sogar ein Brett, bemerkte Margit. Sie konnte auf jedem Meter durchbrechen. Und niemand würde es bemerken. Die Halteseile, grau und verwittert, schienen gerade mal das sanfte Schwingen auszuhalten, das irgendwelche Winde auslösten. Nichtsdestotrotz setzte sie ihren Fuß auf das erste Holzbrett der Brücke. Es gab nur diesen Weg.

    ----

    Mein Beitrag zum ersten Wort 2016 im Projekt *.txt - "Nichtsdestotrotz".

     

  • Rausch [*.txt]

    Frauengesicht lächelnd, fliegende Haare

    Riesenrummelraketenwürmernocheinmal - Was für ein Zeugs ist das denn?

    Augenaufaubackeundauauweia - Boah, das hab ich ja noch nie erlebt!

    Uppsallallauffbasseuiiiiiuiiiiuiuiui - So eine Narretei!

    Schuaahaaaahuuuhaaaahhhaaa - Mei, Ist das lustig hier.

    CHa cha cha - Ich will jetzt tanzen mit dir und dann...

    ------

    Nicht ganz ernst gemeinter Nachzügler-Beitrag zum zwölften Wort "Rausch" im Projekt [*,txt], nur weil ich doch gerne eigentlich zu allen Wörtern gerne etwas geschrieben haben wollt... Details zum Projekt finden sich unter http://neonwilderness.net/2015/08/29/das-zwoelfte-wort-txt/

    Mein "Gedicht" ist übrigens ein Akrostichon, und das finde ich immer praktisch zum Einsteigen ins Schreiben bzw. in ein Schreibthema - oder wenn einem mal wenig bis nichts einfällt.

  • Tanzstunde [*.txt]

    Strichzeichnung Mann und Frau tanzen

    Tanzstunde

  • Verstehen [*.txt]

    Wort Nummer 13 im Projekt *.txt von Dominik Leitner ist "verstehen".

    Dies ist meine persönliche Tabelle zu dem, was ich verstehe und was nicht. Es ist eine reine Momentaufnahme, eher subjektiv – und ähem, unvollständig... Ich verstehe natürlich etwas mehr, und mit dem, was ich nicht verstehe (schon rein akustisch), kann man Bände füllen. :-)
     

    Verstehen

     

    Nicht-Verstehen

     

    Den Wechsel der Jahreszeiten

    Den vergessenen Reifenwechsel

    Die Abgabefrist

    Das ewige Suchen nach Belegen

    Den Blick auf die Uhr

    Das zu enge Zeitkorsett

    Die englische Sprache

    Unsägliches Business-Denglisch

    Lust aufs Heute

    Das Missachten der Vergangenheit

    Die Angst, etwas zu verlieren

    Dass sie solche Ängste gezielt schüren

    Die Notwendigkeit des Rebellierens

    Die Gewalt gegen andere

    Den Drang dazuzugehören

    Die Selbstverleugnung

    Das Gefühl der Ohnmacht

    Die Flucht in die Sucht

    Dass die Welt sich dreht Dass die Welt sich einfach immer weiter dreht

    Bei einer Schreibblockade kann auch eine solche Tabelle mit Pro- und Contra-Einfällen helfen. Man erschließt sich damit ein paar Aspekte und verschiedene Perspektiven zu einem Thema.

     

  • Wenn Wünschen hilft [*.txt]

    Vom Wünschen alleine wird man nicht satt. Wünschen alleine bezahlt keine Miete oder Strom und Telefon. Wünschen alleine schafft auch nichts.

    Zum Beispiel wünsche ich mir Ordnung und Struktur, im Leben und auch sonst so. Zum Beispiel in der Sockenschublade, damit ich einfach hineingreifen kann und ein zusammengehöriges Sockenpaar finde. Oder Ordnung für das Fach in meinem Küchenschrank, wo Tupper und Kunststoffboxen zusammen mit Plastikdeckeln ein wackeliges Gebilde formen, das vielleicht nicht heute einstürzt, aber vielleicht in einer Woche.

    Soll ich meinen Schreibtisch erwähnen, den Tisch daneben und die Ablageboxen auf dem Boden? Ja, ich habe sehr praktische Ablageboxen. Sie sollten für mich einmal die Wende zu einer einfach einzuhaltenden Ordnung schaffen. Aber das konnten sie ohne mich nicht. Ich glaube, ich habe sogar leere Ablageboxen.

    Ich habe mir vor einigen Jahren eine dicke Vorlagemappe gekauft. Darin wollte ich wichtige Unterlagen nach Monaten und Tagen sortieren, damit ich alles rechtzeitig erledige. Stolz sortierte ich Papiere hinein, immer wieder. Neulich fiel zufällig mein Blick auf die Mappe und ich erschauderte. Die Mappe quoll über vor Papieren. Bestimmt dauert es Tage, das alte Zeugs zu sortieren und zu entsorgen.

    Es gibt viele Ordnungssysteme. Karteikästen, Ringbücher, Plastikablagen, Kartons. Sie sind praktisch und durchdacht. Und jedesmal, wenn wieder einmal Werbung ins Haus flattert für solche praktischen Utensilien, Unterbettkommoden, Flaschensortiertaschen, Sockenschubladenorganizer - dann will ich aufspringen und sofort kaufen. 

    Es ist so verheißungsvoll. Ich glaube immer, dass die Dinge der Anfang vom Ende der Unordnung sind. Ich wünsche es mir.

    Aber es sind nicht die Dinge. Und Wünschen alleine erzeugt keine Ordnung. Am Anfang der Ordnung stehe nämlich ich. Es gibt keinen anderen, der es für mich tut.

    Bei mir herrschen Ordnung und Struktur allerdings nur beim Schreiben: Einen Text zu schreiben, also Buchstaben, Wörter, Satzteile in eine Reihenfolge zu bugsieren, zu der ich Ja sagen kann. Aber gerne doch! Einen langen, langen Text zu strukturieren, ihn mit Zwischenüberschriften aufzuhübschen, mit geordneten (oder ungeordneten) Listen zu versehen, Textteile zu fetten, Absätze zu formatieren. "Ja, ja, ja," ruft es in mir, "Texte her zu mir: Ich ordne euch gerne."

    Wenn Wünschen hilft, dann wünsche ich mir Folgendes:

    • Dass ich meine Schublade voller Socken wie einen Text behandeln kann: Ich würde alle Paare sofort mit einem Bindestrich verbinden, damit sie nicht aus Versehen getrennt werden können. 
    • Dass ich auch den Text im Küchenschrank erkenne: Ich würde die Tuppersatzteile in Reih und Form bringen und die Deckel im Nebensatz erwähnen.
    • Dass ich mein Leben wie einen Text zu lesen lerne und sich mir seine verborgene Ordnung enthüllt.

    Und wenn Wünschen hilft, dann ist dieser Text auch völlig in Ordnung.

    Das wünsche ich mir.

    _____

     Dieser Text entstand durch die Inspiration mit dem Wort "wünschen" des Projekt .txt von Dominik Leitner (www.neonwilderness.net). Bei dem Projekt wird 2015 alle drei Wochen ein Wort gezogen und die teilnehmenden Autorinnen und Autoren haben drei Wochen Zeit, dazu einen Text zu veröffentlichen. Das erste Wort war "Gratwanderung". Alle Beiträge werden hier verlinkt: http://neonwilderness.net/txt/txt-die-beitraege/

  • Zum Abschluss: ruhig [*.txt]

    Die Jahreszahlen 2015 und 2016 mit Sternen und Silvesterknallern

    Meinen letzten Beitrag in diesem Jahr zum Projekt *.txtwollte ich in aller Seelenruhe, in den Urlaubstagen vor Weihnachten, dann an den Feiertagen, dann zwischen den Jahren schreiben. Was schwirrte mir da alles durch den Kopf... Überraschende Satzfetzen wie "Es ist die Ruhe vor dem Fest" oder "im Ruhestand saß er im Ruhesessel" oder "auf meinem Ruhekissen will ich gar nichts wissen". Dann wollte ich über die Abwesenheit von Ruhe schreiben. Darüber, dass Ruhe nicht ohne ihr Gegenteil denkbar ist: Lärm, Radau, Unruhe des Herzens...

    Doch jetzt ist Silvester, 20 Uhr, es ist ruhig. Die Arbeit in der Küche ist getan, das Backwerk darf erkalten. Ich schreibe einfach den letzten Blogeintrag für dieses Jahr. Zum Abschluss: ganz ruhig.

    Die Ruhe wird deutlich, weil ich nur vereinzelte Silvesterknaller höre. Zwischen diesen Knallern gibt es lange Intervalle der Stille. So ist das: Ruhe, Kracher, Ruhe, Kracher. Ist Okay. Ich bin ja sowas von seelenruhig.

    Ich weiß, dass es nachher viel lauter wird, und die Intervalle der Stille viel kürzer - bis der Höhepunkt des Abends erreicht wird, Mitternacht, Null Uhr. Ein kurzer Moment nur, um das alte Jahr ganz gehen zu lassen. Und dann der kurze Moment, den wir ausdehnen, um das Jahr 2016 mit Ehrfurcht zu begrüßen. Das Neue. Ich freu mich drauf, in aller Seelenruhe.

    Happy New Year!

     

     

     

     

     

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